“Ich kann mir das Wort nicht merken!”

Vokabeln lernen

Ah. Vokabeln lernen. Das A und O beim Erlernen einer neuen Sprache. Und genau hier werden die meisten Menschen schnell frustriert. Denn es ist ein gnadenloser Test mit direktem Feedback: Entweder du kannst eine Vokabel, oder du kannst sie nicht. Und das ist auch der Punkt, an dem die meisten Lerner völlig falsche Vorstellungen vom Lernprozess haben.

Denn ich erlebe oft, dass viele Leute hier eine gewisse Erwartungshaltung haben, neue Vokabeln in wenigen Tagen zu lernen. Auch Aussagen wie “Ich lerne X Vokabeln pro Tag!” sind weit verbreitet. Da stelle ich mir aber immer zwei Fragen:

  1. Welche Erwartung setzt man an das Lernen?
  2. Woher will man das wissen?

Spracherwerb ist ein Marathon

Zunächst möchte ich auf die Erwartungshaltung eingehen. Spracherwerb braucht Zeit. Im Durchschnitt dauert es zehn Monate, bis man das erste Wort in der eigenen Muttersprache nach vollständiger Immersion spricht. Nach zwei Jahren kann man etwa 50 Wörter sprechen. Erste Sätze mit zwei und mehr Wörtern folgen ebenfalls etwa zu dieser Zeit. Danach nehmen Wortschatz und Satzkomplexität weiter zu.

Als Erwachsener kannst du durchaus schneller lernen! Immerhin kannst du auf bereits Bekanntes, Erfahrungen und Erklärungen zurückgreifen. Dennoch braucht die Aneignung von Wörtern nach wie vor Zeit. Vor allem, weil die meisten Menschen nicht gerade 24 Stunden am Tag von ihrer Zielsprache umgeben sind, sondern in der Regel deutlich weniger. Manche schaffen eine halbe Stunde am Tag, andere eine oder zwei.

Aber wenn du nicht gerade im Land der Zielsprache lebst, wirst du irgendwann unweigerlich in die eigene Landessprache zurückgeworfen. Und sei es nur, wenn du vor die Tür gehst und andere Leute reden hörst.

Manchmal sind sie einfach da

Kommen wir zum zweiten Punkt: Woher weiß man, wann man eine Vokabel gelernt hat?

Das Lernen von Vokabeln ist kein linearer Prozess. Ich könnte nie im Leben sagen, wann ich mir eine weitere gemerkt habe. Es ist ein ewiger Kreislauf von Lernen, Erinnern, Vergessen und Neulernen.

Ein Wort, das du bei den letzten drei Wiederholungen immer wusstest, kann dir bei der vierten Wiederholung plötzlich spanisch vorkommen… Interessanterweise passiert das gerade Spanischlernern sehr oft. Gleichzeitig kannst du ein Wort, das du die letzten zehn Male nicht kanntest, plötzlich in der Wildnis lesen und verstehen. Andere Dinge liest du und verstehst du, aber du kannst dich nicht einmal daran erinnern, sie jemals gelernt zu haben.

Neue Wörter setzen sich unbemerkt fest. Und wie oft du ein Wort noch nicht gekannt hast, sagt nichts darüber aus, wann es sich verfestigt. Das passiert ganz nebenbei, wenn du einfach dranbleibst.

Vokabeln vs. Sätze

Ein weiterer Aspekt ist der Kontext: Die meisten werden wahrscheinlich mit Vokabelkarten lernen. Aber es gibt noch einen anderen Ansatz. Nämlich Satzkarten. Das ist ein sehr individueller Ansatz, bei dem du Sätze suchst, in denen du nur eine Vokabel nicht kennst. Auf die eine Seite schreibst du den Satz, auf die andere Seite die Bedeutung des gesuchten Wortes. So lernst du ein Wort im Kontext.

Ob man mit Satzkarten oder Vokabelkarten besser vorankommt, ist individuell verschieden. Auf jeden Fall zeigen sie, wie sehr der reine Kontext beim Verstehen helfen kann. Ich kenne Lerner, die jahrelang mit Satzkarten gelernt haben. Sie verstehen Japanisch ohne Probleme.

Dann wechseln sie zu Vokabelkarten und plötzlich … tabula rasa. Sie finden manchmal die Bedeutung von Wörtern nicht mehr, die sie problemlos in einem Buch lesen und verstehen könnten. Und schlussfolgern, dass sie kaum einen Vorteil in der Verwendung von Vokabelkarten sehen.

Angesichts der Art und Weise, wie wir uns Sprache aneignen, halte ich Vokabel- oder Satzkarten nicht einmal für unbedingt notwendig. Zumindest nicht im klassischen Sinne. Sie haben ihre Vorteile. Gerade bei selteneren Wörtern können sie helfen, durch häufiges Wiederholen schneller zu lernen. Aber wenn du ständig japanische Literatur oder ähnliches konsumierst, kommst du auch ohne aus.

So lerne ich selbst

Ich nehme einfach ein Buch oder ein Spiel und schaue nach, was ich nicht verstehe. Immer und immer wieder. Irgendwann bleibt es hängen. Warum funktioniert das? Nun. Ich habe vorhin von Satzkarten gesprochen. Und was ist das Lesen eines Textes und das Nachsehen der Bedeutung unbekannter Worte? Das Gleiche in grün, oder? Du bekommst einen Satz und die Bedeutung des unbekannten Wortes oder der unbekannten Wörter.

Die ausschließliche Verwendung dieser Methode hat Nachteile. Du wiederholst die Wörter nicht in regelmäßigen Abständen, sondern nur so, wie sie zufällig im Werk verwendet werden. Du wirst auch viele seltene Wörter sehen, die du einmal brauchst und dann nie wieder. Es ist also schwieriger, sie sich zu merken.

Dennoch empfehle ich diese Methode gerade denjenigen, die wenig Zeit haben und entscheiden müssen, wie sie diese am besten mit Sprache verbringen. Denn die natürlichste Art, Sprache aufzunehmen, ist, sie im Kontext einer ganzen zusammenhängenden Geschichte oder in kürzeren Artikeln eines Gedankengangs zu sehen. Dort gibt es sogar Dialoge zwischen Muttersprachlern. Und das Wichtigste: Das Werk kümmert sich nicht darum, ob gerade ein Ausländer vor ihm sitzt. Außerdem lernt man eine Sprache nur durch Immersion, nicht durch das ständige Anschauen von Vokabeln.

Was brachte es mir?

Mir persönlich hat es in zweierlei Hinsicht besonders geholfen:

Erstens habe ich keine Angst mehr vor japanischen Texten und bin nicht mehr demotiviert, wenn ich “nach Jahren des Lernens” etwas nicht verstehe. Ein Werk, das “zu schwer” ist, gibt es für mich nicht mehr. Das bedeutet nicht, dass ich alles verstehe. Vielmehr hat es mir noch einmal bewusst gemacht, dass Wörter sowieso völlig arbiträr sind und dass man das vermeintlich Komplizierte genauso gut lernen kann wie das vermeintlich Einfache. Der große Unterschied ist letztlich nur, wie oft man damit konfrontiert wird.

Dann mache ich mir keine Gedanken mehr darüber, ob ich ein Wort kenne oder nicht. Ich lese einfach. Und jedes Mal, wenn ich etwas nachschlage, lerne ich wieder ein bisschen Japanisch, während ich die Wörter festige, die ich nicht nachschlagen muss. Ich bin nicht mehr frustriert, wenn ich ein Wort nicht kenne.

Man kann sich sowieso nicht alle Wörter merken. Es wird immer ein paar nervige Kandidaten geben, die einfach nicht hängen bleiben wollen. Deshalb haben Apps wie Anki auch die Funktion, diese auszusortieren. Man spricht von Leeches. Und wenn man länger lernt, hat man irgendwann Tausende davon. Aber das sollte dich nicht stören.

Wenn es also darum geht, sich eine Sprache anzueignen, solltest du dir keine Sorgen darum machen, wie schnell du etwas lernst oder ob du ein Wort vergisst. Das ist die normalste Sache der Welt und gehört dazu. Die wirklichen Fortschritte merkst du erst nach vielen Monaten, wenn du plötzlich viel weniger nachschlagen musst.

Profilbild von Mathias Dietrich

Ich bin der Betreiber von Kawaraban und beschäftige mich seit 2007 mit Japan und seiner Sprache.

Ich habe einen Bachelor of Arts in Japanologie erworben und ein Austauschstudium an der Senshu-Universität absolviert.

Seit 2018 lebe ich in Japan und berichte über das Land und mein Leben hier.

Eines meiner Ziele ist es, zukünftigen Generationen bessere Erklärungen zur Sprache zu bieten, als ich sie zur Verfügung hatte.

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