Die Konjugation der japanischen Sprache ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Denn im Japanischunterricht wird sie immer mit der Konjugation gleichgesetzt, die wir aus dem Deutschen oder Englischen kennen. Dabei funktioniert sie ganz anders!
Wie funktioniert die Konjugation im Japanischen?
Was steckt hinter der Konjugation? Was viele Japanischlehrbücher als “Konjugation” – also eine Veränderung eines Wortes zum Ausdruck grammatischer Merkmale – bezeichnen, sind in Wirklichkeit Kombinationen mit den Haupt-Hilfsworten, auf Japanisch 助動詞 (Jodoushi) genannt. Da Japanisch jedoch keine Leerzeichen besitzt, werden die Kombinationen sehr oft als einzelnes Wort misinterpretiert. Die Sprache hat allerdings durchaus eine Art der Konjugation, die als 活用形 – Verwendungsform – bezeichnet wird. Die ist jedoch sehr simpel gehalten und unterscheidet sich stark von der uns bekannten.
Was konjugiert man wirklich? Im Japanischen ist die Konjugation ausschließlich die Veränderung des letzten Kanas deines Verbes und nicht mehr. Das dient als Füllelement, damit es noch gut klingt, wenn du eines der Hilfsworte anhängst und so eine Kombination aus den zwei genutzten Worten erschaffst. Die Einzelteile dieses Verbundswortes funktionieren allerdings nach wie vor selbstständig. Aber darauf komme ich in späteren Kapiteln noch zurück.
Das Form-System japanischer Verben
Konjugation im Japanischen: Wenn du dir die Regeln auf Japanisch ansiehst, werden sie plötzlich ganz einfach. Du weißt bereits, dass es zwei große Verbgruppen gibt und alle Verben mit einem Kana der う-Reihe enden. Abseits dessen hat jedes Godan-Verb aber noch ganze vier andere Formen. Eine aus jeder weiteren Reihe der Kana-Tabelle. Auf Japanisch hat jede davon einen speziellen Namen. Der Einfachheit halber werde ich hier aber nur von der あ-, い-, え-, und お-Form sprechen.

Beispiel: Das Wort für „lesen“ (読む) etwa besitzt die folgenden fünf Formen:
- あ-Form: 読ま
- い-Form: 読み
- う-Form: 読む
- え-Form: 読め
- お-Form: 読も
Bei „schreiben“ (書く) hingegen hast du diese fünf:
- あ-Form: 書か
- い-Form: 書き
- う-Form: 書く
- え-Form: 書け
- お-Form: 書こ
Was passiert bei Ichidan-Verben? Du weißt zudem bereits, dass es neben den Godan-Verben auch noch die Ichidan-Verben gibt. Deren letztes Kana ist immer ein る. Und das verschwindet einfach, wenn du eines der Haupt-Hilfsworte anhängst.
Deswegen ist es eine Konjugation: Zugegebenermaßen ist durchaus anfechtbar, ob man hierbei überhaupt von einer Konjugation reden kann. Denn zwar veränderst du die Form deines Wortes, das drückt aber stets nur ein Merkmal aus: Du wirst das Verb mit einem weiteren Wort verbinden.
Und auch japanische Grammatiken heben die Konjugation im japanischen als Sonderfall hervor und trennen ihn explizit von der westlichen Bedeutung des Wortes. Dennoch sprechen sie von Formen, was eine Konjugation impliziert. Deshalb behalte ich dieses System hier bei.
Was ist die て-Form?
Ich erklärte in einem früheren Kapitel bereits die て-Form und ihre Ursprünge. Die entstand aus der Kombination mit dem Hilfsverb つ, das es heutzutage jedoch nicht mehr gibt. Deswegen verhält sie sich, verglichen mit dem oben genannten System, auch unregelmäßig.
Die sechste Form: Aber auch die japanische Linguistik erklärt, dass die て-Form, auf japanisch て形, eine Anwendungsform der Verben ist, ebenso wie die oben genannten Formen mit あ, い, う, え und お. Im modernen Japanisch kann man also durchaus von sechs Formen eines Verbs ausgehen.
Das sind die Haupt-Hilfsworte
Statt Konjugationstabellen zu lernen, musst du nur deinen Wortschatz erweitern. Außerdem musst du wissen, welche Formen du für die Verbindung mit deinem Hilfswort brauchst. Ich werde in den späteren Kapiteln auf jedes dieser Wörter genauer eingehen.
Hier hingegen gebe ich dir nur einen schnellen Überblick über die wichtigsten Hilfswörter und die Form der Godan-Verben, mit denen du sie verwendest. In Klammern siehst du auch, wie das Hilfswort für die Ichidan-Verben aussieht, wenn es sich bei diesen unterscheiden sollte:
- て-Form mit た: Vergangenheit
- あ-Form + ない: Verneinung
- え-Form + る (られる): Potential
- あ-Form + れる (られる): Empfang
- え-Form + せる (させる): Herbeiführen
- お-Form + う (よう): Volitional
- い-Form + ます: Höflichkeit
Das zusammengesetzte Prädikat
Der Grund dafür ist, dass das Prädikat, also die letztendliche Kernaussage deines Satzes, im Japanischen aus einer Reihe von miteinander verbundenen Wörtern gebildet werden kann. Dies geschieht manchmal mit den Haupthilfswörtern, aber auch Verbindungen von zwei vollständigen Verben, die auch allein verwendet werden können, sind alltäglich.
Beispiel: Ein simples Beispiel ist etwas das Wort 飛ぶ (dt. fliegen). Daraus kannst du etwa 飛んだ machen – fliegen + Vergangenheit. Also „Ich flog“. Oder du sagst 飛ばない – fliegen + nicht. Was „Ich flog nicht“ heißt.
Über seine い-Form sind aber auch Verbindungen mit anderen Verben wie etwa 出す (dt. herauskommen) möglich. Das bedeutet dann jedoch nicht, dass der Akteur beide Handlungen nacheinander ausführt, sondern eine kombinierte. Aus 飛ぶ und 出す wird so 飛び出す (dt. herausspringen).
Der typische Fehler: Bei vielen Erklärungen wird das vollständige zusammengesetzte Prädikat als eine zusammenhängende Form angesehen. Ein 飛ばない wird dann zur „Negativform“. Kommt es hingegen zu Wörtern wir 飛び出す wird dieser Gedanke aber wieder fallengelassen. Klar: Immerhin ist „herausspringen“ keine Konjugation von „springen“.
Gleiches gilt nur eben auch für 食べない, das keine Konjugation von 食べる ist. Eine solche Erklärung widerspricht also nicht nur den Aussagen der japanischen Linguistik, sondern verwendet den Begriff „Konjugation“ auch nach der Definition der deutschen und englischen Linguistik inkorrekt.
Nachdem du nun weißt, was es mit den Konjugationen im Japanischen auf sich hat, zeige ich dir im nächsten Kapitel schon die erste Kombination mit einem der wichtigsten Hilfsverben. Es geht um die Verneinung:

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Ich bin der Betreiber von Kawaraban und beschäftige mich seit 2007 mit Japan und seiner Sprache.
Ich habe einen Bachelor of Arts in Japanologie erworben und ein Austauschstudium an der Senshu-Universität absolviert.
Seit 2018 lebe ich in Japan und berichte über das Land und mein Leben hier.
Eines meiner Ziele ist es, zukünftigen Generationen bessere Erklärungen zur Sprache zu bieten, als ich sie zur Verfügung hatte.


Dirk Salowsky says:
Lieber Mathias, beim Absatz: „So erhalten Sätze ihre Bedeutung“ versteh ich nur noch Bahnhof. Ich glaube, es ist eigentlich die Überschrift. die fehlleitet. Denn es folgt sofort eine weitere: „Das zusammengesetze Prädikat: Der Grund dafür ist…“ (Bezug? Der Grund wofür?) Das ist doch nur eine spezielle Prädikatsform, oder meinst du z.B. die て-Form dann auch als zusammengesetztes Prädikat?… Sind japanische Prädikate also dann alle zusammengesetzt? Oder was willst du sagen?
Das erinnert mich so etwas an das von dir erklärte „は“, dem nichts folgt. 😉
Mathias Dietrich says:
In meinen Gedanken klang es immer nachvollziehbar! 😀 Lass es mich mal fix nochmal lesen.
Hm. Ja. Ich denke, dass diese Überschrift vielleicht etwas rausziehen kann. Mein Gedanke war dabei, dass die Bedeutung des Satzes durch das zusammengesetzte Prädikat entsteht: Was wird gemacht? Weiterlesend hab ich da aber glaube auch den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr gesehen und bin womöglich gar darübergestolpert, dass ich das Kapitel nachträglich eingeschoben hab.
Ich hab es jetzt jedenfalls mal etwas umgeschrieben. Ich hoffe, es ist jetzt verständlicher. Danke für den Hinweis! Werde die Änderungen auch an anderer Stelle übernehmen müssen.