Kanji lernen – Wozu?

Wozu Kanji lernen?

Einer der größten Irrtümer beim Japanischlernen: “Ich muss so viele Kanji lernen!” Wie kommt das? Weil man in jedem Lehrbuch irgendwie lange Kanjilisten mit verschiedenen Aussprachen und so weiter vorgesetzt bekommt, obwohl das eigentlich der völlig falsche Weg ist, die Schriftzeichen zu lernen.

Der Trick: Man kann den ganzen Kram einfach ignorieren.
Der Grund: Wir lesen Wörter, keine Zeichen.

Ich nehme mal ein beliebiges Wort aus dem Text bis hierher: “mit” Niemand käme auf die Idee, “Em i te” zu sagen, obwohl das die “Lesung” der einzelnen Buchstaben ist.

Ein weiterer Vergleich aus dem Deutschen. Sprich die folgenden Wörter aus:

  • Chemnitz
  • Chirurg
  • China
  • Chlorophyll

Je nach Wort wird das Ch unterschiedlich ausgesprochen. Manchmal sogar je nach Region. Und jetzt Hand hoch: Wer hat sich schon mal hingesetzt und “Lesungen” von “Ch” getrennt gelernt? Niemand. Wir haben gelernt, dass man es in bestimmten Wörtern einfach anders ausspricht. Mal mehr wie ein K, mal weicher, mehr wie ein sch.

Wieso sollten Kanji anders sein?

Unnützes Wissen: Es bringt dir als Lerner einfach überhaupt nichts zu wissen, dass du ein Kanji X als A, B, C, D und E lesen kannst, wenn du sowieso keine Ahnung hast, in welchen Wörtern du das machst. Und leider versuchen eine viele Quellen immer wieder in dieses Kanji-Lernen zu drängen. Wodurch man als Lerner dasitzt und Fragen stellt wie: “Woher weiß ich, wie ich das Kanji hier lesen soll?” Die Antwort ist ganz einfach: Du weißt es, weil du das Wort gelernt hast.

Wie es simpler geht: Statt Kanji explizit zu lernen, ist es besser, die Wörter selbst zu lernen. Und das geht am besten durch Immersion. Wenn du oft genug liest und nachschlägst, dass ein 週末 zum Beispiel “Shuumatsu” ausgesprochen wird und “Wochenende” bedeutet, dann ignorierst du die Kanji irgendwann fast völlig. Du siehst nur das Wort an sich und weißt aus Erfahrung: “So spreche ich das aus, das bedeutet das.” Du denkst nicht darüber nach, dass man jedes dieser Zeichen auch anders aussprechen könnte. Du denkst auch nicht darüber nach, was die individuelle Bedeutung der beiden Zeichen ist.

Für meinen Leitfaden haben ich zudem einen ausführlichen Artikel geschrieben, der dir noch eine Reihe weiterer Tipps gibt, um die Kanji zu lernen:

Japaner machen es nicht viel anders. Sie setzen sich nicht hin und lassen sich Kanjilisten und ihre verschiedenen Lesarten vorlegen. Sie bekommen Kanjidrills, die hauptsächlich auf dem Schreiben bekannter Wörter mit Kanji basieren.

Kanji lernen und behalten basiert darauf! Das hochgeschätzte Werk von Heisig liefert keine Lesarten für die Kanji. Nur das Zeichen selbst und seine Bedeutung. Denn er dachte einfach, dass er den gleichen Vorteil wie die Chinesen haben wollte, wenn er Japanisch lernt. Und das bedeutete einfach zu wissen, was bestimmte Zeichen bedeuten. Es ging nie darum, die Aussprache zu kennen, denn die kann sowieso von Wort zu Wort unterschiedlich sein.

Natürlich gibt es Überschneidungen: Manchmal sprichst du ein Kanji in vielen Wörtern gleich aus. Aber wenn du das Wort selbst nicht kennst, hilft dir das nicht weiter. Denn dann muss du trotzdem nachschlagen, wie es jetzt ausgesprochen wird. Immerhin kann es stets sein, dass du eines der Wörter vor dir hast, das plötzlich nicht mehr die gebräuchlichste Lesart nutzt.

Die Lesarten eines Kanji zu kennen, bringt nur dann etwas, wenn du in die Poetik einsteigen will. Denn dort wird oft mit den verschiedenen Lesarten der Kanji gespielt. Da sind wir aber noch gar nicht so weit, dass die Autoren oft neue Lesarten für die Kanji erfinden. Das sieht man oft in modernen Werken, wo man sich Zeichen für Katakana-Wörter aussucht.

Lerne zuerst lesen: Aber wenn du so weit gehen willst, solltest du sowieso erst einmal fließend Japanisch lesen können. Alle möglichen Aussprachen der Schriftzeichen, die sie ja nur haben, weil sie einfach in bestimmten Wörtern verwendet werden, kannst du immer noch danach lernen. Und dann hast du schon den Vorteil, dass du die Wörter kennst, in denen die Schriftzeichen vorkommen.

Profilbild von Mathias Dietrich

Ich bin der Betreiber von Kawaraban und beschäftige mich seit 2007 mit Japan und seiner Sprache.

Ich habe einen Bachelor of Arts in Japanologie erworben und ein Austauschstudium an der Senshu-Universität absolviert.

Seit 2018 lebe ich in Japan und berichte über das Land und mein Leben hier.

Eines meiner Ziele ist es, zukünftigen Generationen bessere Erklärungen zur Sprache zu bieten, als ich sie zur Verfügung hatte.

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