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Was ist ein Otaku? Bedeutung und Definition

Manche Otaku verkleiden sich gar als ihre Lieblingscharaktere.
Manche Otaku verkleiden sich gar als ihre Lieblingscharaktere.

Bestimmt hast du schonmal den Begriff Otaku gehört und dich gefragt: Was ist das überhaupt? Einfach nur zu behaupten, es seien die Nerds Japans, würde dem Begriff jedoch nicht gerecht werden. Ich erkläre dir die Bedeutung von Otaku und welche Menschen hinter diesem Wort stecken.

Was bedeutet Otaku?

Mit dem Wort Otaku (jap. Haus; bezeichnet das Haus des Gesprächspartners) bezeichnet man heutzutage die Mitglieder der gleichnamigen japanischen Subkultur, die während des Kalten Krieges entstanden ist.

 

Die Wortherkunft

Im Japan der 50er Jahre ist der Begriff gleichbedeutend mit dem deutschen “Du” [1]. Allerdings auf eine sehr höfliche und distanzierte Art und Weise. Es ist nicht eindeutig geklärt, wieso Mitglieder der Subkultur gerade dieses Wort als Bezeichnung nutzen. Jedoch gibt es einige Theorien.

So könnte die Verwendung aus der Animeserie “Super Dimensional Fortress Makross” entstanden sein. Dessen Protagonist nutzt das Wort häufig als Anrede. Da die Serie bei den Otaku seinerzeit sehr beliebt ist, haben diese die entsprechende Angewohnheit übernommen.

Eine andere Theorie geht davon aus, dass das Wort die Fantasie einer Gruppenzugehörigkeit erfüllen soll [2]. Dass sie ausgerechnet diesen Begriff verwenden, sehen einige Forscher und Journalisten als Distanz zwischen den individuellen Mitgliedern der Subkultur an [3]. Das bestärkt das Klischee, die Otaku seien menschenscheu.

Die erste bekannte Verwendung im heutigen Kontext lässt sich auf die 1980er Jahre durch Kolumnist Akio Nakamori zurückführen. Er bezeichnet mit dem Wort unangenehme Fans in einer Karikatur.

Was ist nun ein Otaku?

Die simpelste Bezeichnung der Otaku ist die folgende:

Definition

Bei Otaku handelt es sich um Fans von Anime, Manga und Videospielen.

Im umgangssprachlichen Gebrauch wird der Begriff auch häufig so verwendet und verstanden. Die eigentliche Definition ist jedoch wesentlich komplexer und zudem facettenreicher. Denn sie geht weit über Anime und Manga hinaus.

Kulturkritiker und Forscher können sich nicht auf eine Beschreibung einigen. Die folge Liste zeigt dir, wie verschiedene Experten die Otaku definieren:

  • Hiroki Azuma: Menschen, die sich stark mit Anime, Videospielen, Computern, Science Fiction und ähnlichen beschäftigen. [4]
  • Mizuki Ito: Erklärt, es gäbe keine genaue Definition, da sich der Begriff stets ändert und weiterentwickelt. [5]
  • Ōsawa Masachi: Menschen, bei denen sich das "Ich", das man sein will, nicht von dem "Ich" unterscheidet, das mit sich selbst unabhängig der gesellschaftlichen Meinung zufrieden ist. [6]
  • Christian Oberländer: Menschen, die ihrem Hobby so enthusiastisch nachgehen, dass sie darüber Haushalt und Hygiene vernachlässigen. [7]
  • Toshio Okada: Erfahrene Kritiker. [8]
  • Saitō Tamaki: Gibt an, dass eine Definition schwer sei. Äußert jedoch vorsichtig, dass es Menschen sind, die viel über die von ihnen konsumierten Werke und deren Erschaffer reden und somit Kritiker sind. [9]

So richtig befriedigend ist keine dieser Aussagen. Zudem sind diese schon bereits einige Jahre alt und die Subkultur konnte sich mittlerweile etablieren. Deshalb setze ich es zum Ziel dieses Artikels, auf Basis der wissenschaftlichen Aussagen eine allgemeingültige Definition für die Otaku herzuleiten.

Definition der Gesellschaft

Die Schwammigkeit sämtlicher Definitionen stammt daher, dass die Definition von Otaku stark davon abhängig ist, was ein Mensch als übermäßiges Interesse an einem Themengebiet definiert.

Das wird bereits in meiner eigenen Umfrage unter 100 Japanern im Alter zwischen 12 und 59 Jahren deutlich, die von 2015 bis 2016 einschätzen sollten, was ein Otaku überhaupt ist.

Ein Mensch, der Anime, Manga, Videospiele ect. mag
23%
Ein Mensch der NUR Anime, Manga, Videospiele ect. mag
38%
Menschen mit einem Hobby
22%
Menschen, die jeden Tag nur Videospiele spielen
4%
Andere
12%

Wie du siehst, lässt sich eine stärkere Assoziation mit Anime und Manga feststellen, allerdings kann sich keine der Antwortmöglichkeiten mit einer absoluten Mehrheit hervorheben.

Wofür interessieren sich Otaku?

Sämtliche Definitionen – bis auf die von Azuma – haben gemein, dass sie die Otaku nicht direkt mit Anime und Manga in Verbindung bringen.

Und das aus gutem Grund: Denn es gibt sehr viele Arten von Otaku, von denen viele mit dem Anime- und Manga-Ursprung der Subkultur eigentlich gar nichts am Hut haben. Einige Beispiele sind:

  • Anime-/Manga-Otaku: Mit dieser Art der Otaku begann die Subkultur in den 1960er Jahren.
  • Idol-/J-Pop-Otaku: Sind besessen von J-Pop und Idols, sammeln entsprechendes Merchandising und versuchen, ihre Helden auf speziellen Meeting-Events zu treffen.
  • Militär-Otaku: Diese Otaku haben ein besonderes Interesse an Waffen und Armeen.
  • Roboter-Otaku: Roboter-Otaku sind komplett von der Roboter-Entwicklung eingenommen und bauen selbst gerne autonome Maschinen.
  • Videospiel-Otaku: Gaming ist das Leben der Videospiel-Otaku und sie kennen sich sehr gut mit der interaktiven Unterhaltung aus.
  • Zug-Otaku: Interessieren sich für Züge wie kaum jemand anders. Manchmal kannst du sie mit sehr teurer Foto- oder Video-Ausrüstung an Bahnübergängen in Japan antreffen.

Die einzelnen Otaku-Typen schließen sich nicht gegenseitig aus. Ein Anime- und Manga-Otaku kann beispielsweise gleichzeitig auch noch ein Zug-Otaku sein.

Bei diesen bekannten Gruppen wird bereits deutlich, dass man Mitglieder eines jeden möglichen Hobbys irgendwie als Otaku bezeichnen kann. Dabei wird eine Frage aufgeworfen: Gibt es dabei noch Unterschiede zu normalen Enthusiasten?

Anime-Merchandising spricht gerade die Interessen der Anime-Otaku an. Heutzutage findest du es in vielen Läden Japans.
Merchandising wie diese Figuren aus der Serie Madoka Magica spricht gerade die Interessen der Anime-Otaku an. Heutzutage findest du es in vielen Läden Japans.

Ich definiere Otaku

Das Problem der bereits existierenden Definitionen ist, dass sie oft sehr ungenau sind. Wenn Toshio Okada zum Beispiel von “erfahrenen Kritikern” spricht, dann ist weder erklärt was genau er mit “erfahren” meint und was in seinen Augen Kritiker sind.

Auch bei Oberländer ist nicht geklärt, was er als “enthusiastisch” bezeichnet. Zudem beziehen sich die Aussagen bezüglich der körperlichen Hygiene noch stark auf Klischees.

Machis Definition hingegen scheint sich eher auf die Zufriedenheit eines Menschen mit sich selbst zu beziehen, lässt jedoch die Art und Intensität, mit der Otaku sich mit ihrem Hobby beschäftigen, außen vor.

Auch Saito Tamaki verfolgt mit der Aussage, dass sie viel über die von ihnen konsumierten Werke reden und sie kritisieren, den Ansatz der “erfahrenen Kritiker”. Da die meisten Forscher diesen Gedanken teilen, soll dieser als Grundlage dienen.

Das Interesse macht es

Für eine eindeutige Definition sind in meinen Augen drei Merkmale von elementarer Bedeutung, die sich gegenseitig komplementieren:

  • Interesse
  • Kritik
  • Zeitaufwand

Erklärung: Schwerpunkt ist vor allem das Interesse. Jemand, der sich nicht für ein bestimmtes Thema interessiert, kann kein Otaku sein. Daraus resultiert eine gewisse Zeit, die eine Person mit diesen Dingen verbringt. Dadurch eignet sie sich Wissen an, dass sie wiederum nutzt, um mit ihrem Hobby verbundene Elemente kritisieren zu können. Die Ausübung der Kritik ist wiederum mit zusätzlichem Zeitaufwand verbunden.

Das Interesse selbst muss jedoch über einzelne Produkte hinausgehen. Ein Mensch, der sich nur für einen einzigen Film interessiert und diesen tagtäglich immer wieder ansieht, kann sich kaum als Filmenthusiast bezeichnen. Denn ihm fehlt eine Wissensbasis für den Vergleich mit anderen Werken. Er ist dadurch nicht in der Lage, eine glaubwürdige Kritik abzugeben.

Die Grand Narrative ist entscheidend

Das erweiterte Interesse an der Materie, wie Hiroki Azuma es beschrieb, ist in meinen Augen ausschlaggebend: die so genannte Grand Narrative, wie Otsuka Eiji sie beschrieb [10]. Da diese laut Oberländer ein wichtiger Bestandteil für die Entstehung des Phänomens war, darf sie bei der Definition nicht außen vorgelassen werden [11].

„Comics or toys are not consumed in and of themselves; rather, by virtue of the existence of an order behind these products or of a ‘grand narrative’ of which they comprise a portion, each begins to take on value and to be consumed. So it becomes possible to sell countless similar products, […] because consumers are led to believe that they themselves approach the overall picture of the ‘grand narrative.’“

Otaku interessieren sich also nicht ausschließlich für ein Werk an sich, sondern für das große und nicht greifbare Universum hinter ihm.

Die Betrachtung der Grand Narrative lässt sich jedoch weitläufiger auslegen. Nicht als Interesse an einem Werk, sondern dem kompletten Hobby als solches. So lässt sich ein Anime-Otaku nur dann als Anime-Otaku bezeichnen, wenn er an der Grand-Narrative von Anime im allgemeinen interessiert ist und nicht nur an einem einzigen Werk. Ein Zug-Otaku hingegen muss sich für das gesamte Drumherum von Zügen interssieren und nicht nur für ein einziges Modell.

Diese Abgrenzung ist vor allem deswegen wichtig, da die einstigen Nischeninteressen der Otaku heutzutage Mainstream sind. Millionen von Menschen schauen Anime und spielen Videospiele. Doch für viele von ihnen wird es einen simplen Zeitvertreib darstellen. Das tiefergehende Interesse – durch das sich die Otaku auszeichnen – fehlt.

Anime und Manga sind heutzutage so weit verbreitet, dass selbst einfache Lebensmittel damit beworben werden.

Daraus schlussfolgere ich:

Definition

Ein Otaku ist ein Mensch, der einen Großteil seiner Freizeit in die Ausübung, den Konsum und die Kritik einer ausgeübten Tätigkeit - ein Hobby - investiert. Zudem besitzt er Wissen über die Vergangenheit und Entwicklung dieses Themas, sowie damit verbundene aktuelle Geschehnisse. Eine Person kann nur dann als Otaku bezeichnet werden, wenn sie über die aktuellen Ereignisse und Hintergründe ihres Hobbys und die dazugehörige Grand Narrative - oder Metanarrative - informiert ist. Dadurch befindet sie sich in der Position, Werke und Produkte ihrer Interessensbasis faktenbasiert zu vergleichen und zu kritisieren.

Zusammenfassung

Otaku sind also nicht einfache Fans von Anime und Manga, sondern lassen sich von gewöhnlichen Konsumenten durch eine größere Wissensbasis sowie Kritikfähigkeit abgrenzen.

Während die meisten Verbraucher ein Produkt einfach konsumieren und nicht weiter darüber nachdenken, vergleichen Otaku es mit anderen Werken und heben so, ungeachtet ihrer persönlichen Vorlieben, Stärken und Schwächen eines Werkes hervor.

Ein weiterer Schwerpunkt ist, wie angesehen die Otaku sind. Denn nicht selten wird der Begriff auch defamierend genutzt. Grund dafür ist vor allem der Otaku-Mörder und die daraus folgende sehr negative Berichterstattung. Seit diesem Vorfall konnte sich das Ansehen der Subkultur jedoch auf ironische Art und Weise bessern.

Quellennachweise

[1] Oberländer, Christian (2006). Otaku: Aufstieg und Internationalisierung eines Massenphänomens in Japan. In Jäger, Andrea/ Anros, Gerd/ Dunn, Malcom H. (Hrsg.): Masse Mensch. Das „Wir“ – sprachlich behauptet, ästhetisch inszeniert. Halle: Mitteldeutscher Verlag 2006, S. 101.
[2] Azuma, Hiroki (2009). Otaku. Japan’s Database Animals. London: University of Minnesota Press. S. 27
[3] Tsuji, Izumi (2012). Why Study Train Otaku?. A Social History of Imagination. In Ito, Mizuko; Okabe, Daisuke; Tsuji, Izumi (Hrsg.) (2012): Fandom Unbound. Otaku Culture in a Connected World. New Haven & London: Yale University Press, S. 26.
[4] Azuma, Hiroki (2009). S. 3
[5] Ito, Mizuki; Okabe, Daisuke; Tsuji, Izumi (Hrsg.) (2012): Fandom Unbound. Otaku Culture in a Connected World. New Haven & London: Yale University Press. S. XI
[6] Tamaki, Saito (2011). Beautiful Fighting Girl. London: University of Minnesota Press. S. 15
[7] Oberländer, Christian (2006). S. 102
[8] Izawa, Eri. Toshio Okada on the Otaku and Anime. https://www.mit.edu/~rei/manga-okada.html (abgerufen am 07.06.2020).
[9] Tamaki, Saito (2011). Beautiful Fighting Girl. London: University of Minnesota Press. S. 10, 12, 13
[10] Azuma, Hiroki (2009). Otaku. Japan’s Database Animals. London: University of Minnesota Press. S. 30
[11] Oberländer, Christian (2006). S. 104

Eine Antwort auf „Was ist ein Otaku? Bedeutung und Definition“

Sehr professioneller, wissenschaftlich fundierter Artikel, der die Welt der Otakus sachlich, erfahren und populärwissenschaftlich für Interessenten und Neugierige öffnet. Prima! Wir informieren uns sehr gern auf dieser Seite hier!

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