Ironischer Wandel: Wie Otaku zum Symbol Japans werden

Einst verachtet werden die Otaku zum Vorzeigebild Japans.

Nachdem das Ansehen der Otaku 1989 einen Tiefpunkt erreicht, beginnt es, sich in den Folgejahren wieder zu bessern – wenn auch nur langsam. Der Grund ist ironisch: Genau die Inhalte, für welche die japanische Gesellschaft die Otaku zuvor verachtet, sorgen nun für öffentlichen Zuspruch. Ich erkläre dir, wie es dazu kommt.

Noch im Jahr 1998 ist das Bild der Otaku in der Öffentlichkeit laut einer Befragung von Satoru Kikuchi weitgehend negativ geprägt. Bei der Wiederholung dieser Erfassung im Jahr 2007 stellt er jedoch bereits eine eindeutig positivere Einstellung gegenüber der Subkultur fest. [1] Wie kommt es dazu?

Schwund der Ächtung

Die Ursachen sind offenbar dieselben, die einst für die Ausgrenzung der Otaku sorgen: der exzessive Umgang mit neuen Medien. Denn die werden in der Moderne für die Gesellschaft von immer größerer Bedeutung. [2]

Darauf lässt vor allem der Wegfall der negativen Konnotation bei der Definition schließen. In der 1991er Ausgabe des Werkes „Gendai yōgo no kiso chishiki“ (Grundwissen des modernen Wortschatzes), konzentriert sich die Beschreibung mehr auf die Otaku als Personen:

„[…] alle Personen werden so [als Otaku] bezeichnet, die sich in fanatischer Weise ihren Hobbies zuwenden […]“

Die Beschreibung ist in diesem Fall interessant, da sie in einem Werk vorkommt, das sich nicht auf das Thema spezialisiert und somit das Ansehen der Otaku in der breiten Öffentlichkeit widerspiegelt.

Beachtenswert ist hierbei die Ähnlichkeit zur Definition, wie sie auch vom Kulturkritiker Hiroki Azuma genannt wird. Der Unterschied ist, dass Azuma sich zudem auf die Art der Hobbies konzentriert, während die Beschreibung in „Grundwissen des modernen Wortschatzes“ viel allgemeiner ist.

Helden der Öffentlichkeit

Zu einem verbesserten Ansehen führt vor allem die Erkennung des wirtschaftlichen und kulturellen Nutzens. Und das, obwohl es im Jahr 2008 einen Amoklauf in Akihabara gab.

Der hätte sich ebenso negativ auf den Ruf auswirken können wie die Mordserie 1988/89. Immerhin wird der tokioter Stadtteil, aufgrund seines Fokus auf Otaku-Güter stark mit der Subkultur assoziiert.

Radio Kaikan in Akihabara ist eine der Sehenswürdigkeiten des Otaku-Viertels.
Radio Kaikan in Akihabara ist eine der Sehenswürdigkeiten des Otaku-Viertels.

Wachstum trotz Stillstand

Die breite Gesellschaft erkennt mittlerweile den Nutzen der Otaku an. Das ist begründet im wirtschaftlichen Stillstand Japans Anfang der 90er Jahre.

Ausgerechnet der so genannte „Otaku-Markt“, kann trotz der schweren Lage ein stetes Wachstum vorweisen. Studio Gainax feiert mit der Serie Neon Genesis Evangelion große Erfolge und Studio Ghibli veröffentlicht heutzutage weltweit bekannte Filme wie Prinzessin Mononoke. Eine entsprechende Auswirkung hatte das in den 90ern auch auf Anime-verwandte Produkte. [3]

Der Wandel Akihabaras

Das trägt zu einem Marktwandel bei: Während Japan zuvor Umsätze mit Elektronikgütern wie Waschmaschinen, Kühlschränken und Autos erzielt, sind nun Anime und damit verbundene Produkte, wie Figuren der Charaktere, ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

Im Wandel des Stadtteils Akihabara sind die darauf folgenden Veränderungen noch heute sichtbar. Während hier in den 1980ern noch primär Elektrotechnik und Haushaltswaren verkauft werden, verschiebt sich der Fokus in den 90ern auf Anime, Manga und letztendlich auch Videospiele.

Durch den dadurch neu gewonnen Schwerpunkt auf das Interessengebiet der Otaku, zieht das Viertel immer mehr Mitglieder dieser Subkultur an. Im Laufe der Zeit festigt er so seinen Ruf als “Otaku-Stadtteil”. [4]

Otaku als Kulturträger

Während dieser Zeit beschäftigt sich der japanische Soziologe Ueno Toshiya mit den Otaku und sieht sie als zukünftige Kulturträger Japans – eine Gruppe, bei deren Erwähnung du sofort an Japan denkst.

Damit wird die Subkultur auf die selbe Stufe gehoben, wie zum Beispiel die Worte „Geisha“ und „Fujiyama“. Mit den Otaku sieht er eine Möglichkeit, das Ansehen Japans im Ausland zu modernisieren. [5]

Erfolgsbeispiel: Pokémon

Pokémon ist nur ein Otaku-Produkt, das weltweiten Ruhm erlangen konnte.
Pokémon ist nur eines von vielen Otaku-Produkten, die weltweiten Ruhm erlangen.

In den 90er Jahren verzeichnen Otaku-Produkte nicht mehr nur national starke Erfolge, sondern auch international. Ein berühmtes Beispiel ist die Pokémon-Serie: 1996 erscheinen die beiden Editionen Grün und Blau für den Gameboy in Japan. Selbst im Jahr 2020 ist diese Franchise noch aktuell und kann nach wie vor kommerzielle Erfolge verzeichnen.

Dazugehörige Animeserien und Merchandisingprodukte sind keine Ausnahme. Die 2019 für die Nintendo Switch erschienenen Spiele Pokémon Schwert und Schild sind laut Nintendo die sich am schnellsten verkaufenden Spiele für die Konsole. Wegen derartiger Erfolge sieht die japanische Regierung bereits in den 90er Jahren eien Grund, entsprechende Produkte zu fördern. [6]

Soziales und wissenschaftliches Ansehen

Toshio Okada – seines Zeichens Gründungsmitglied des renommierten Anime-Studio Gainax – will seit 1996 Otaku sowie die Anime- und Manga-Kultur als wissenschaftliches Untersuchungsobjekt fördern. In eben diesem Jahr veröffentlicht er dafür unter anderem das Werk „Otakugaku nyūmon“ (Einführung in die Otakuologie).

Okada äußert sich stets sehr positiv über Anime und die Otaku, und bezeichnet sich selbst als „Otaking“ – König der Otaku [7]. Entsprechend scheint er das Thema sehr undifferenziert zu betrachten. Da er selbst in der Animebranche involviert ist, könnten persönliche, wirtschaftliche Interessen eine Rolle bei seiner Ansicht spielen.

Dennoch unterrichtet er bereits vor der Veröffentlichung seines Buches von 1994 bis 1996 das Fach „Otakulogie“ an der Universität in Tokio und gründet zudem eine Online-Universität mit dem Ziel, die Otaku als wissenschaftliches Forschungsgebiet zu etablieren.

Ab 2001 widmet sich die Japanforschung verstärkt der japanischen Populär- sowie Jugendkultur und den damit verbundenen Otaku. Ein Beispiel dafür ist das Werk Otaku – Japan‘s Database Animals von Hiroki Azuma. Später betrachten weitere Werke dieses Thema, und die Erforschung von Manga und Anime wird ein legitimes Forschungsgebiet. [8]

Die neue Identität der Otaku

Heutzutage können Otaku Hobbies wie Cosplay auf weltweit anerkannten Messen ausleben.
Heutzutage können Otaku Hobbies wie Cosplay auf weltweit anerkannten Messen ausleben.

Während das Ansehen der Otaku langsam steigt, beginnt die japanische Identität ebenfalls, sich zu wandeln. 2002 beschreibt der Journalist Douglas McGray: das Land wird nicht mehr ausschließlich als Hersteller von Autos und Elektronik angesehen. Viel mehr rücken J-Pop, Anime, Manga und ähnliches in den Mittelpunkt. [9]

Mit der Veröffentlichung der Geschichte Densha Otoko („Zug-Mann“) verbessert sich das Ansehen der Subkultur in den Jahren 2004 (Filmveröffentlichung) und 2005 (Fernsehserie) noch weiter.

Der Zugmann

Seinen Ursprung hat das Werk im japanischen Onlineforum 2chan, in dem Otaku miteinander kommunizieren. Ein Nutzer dieser Plattform erzählt, wie er im Zug auf einen angetrunkenen Fahrgast trifft, der den Mitreisenden gegenüber aufdringlich wird. Als dieser eine Frau belästigt, greift der 2chan-Nutzer ein und es entwickelt sich eine Liebesgeschichte.

Die Otaku werden entsprechend komplett anders dargestellt, als in der Medienlandschaft nach dem Otaku-Mörder. In der Geschichte sind sie keine gewaltbereiten Mörder, sondern harmlos und liebenswert. [10] Das starke Interesse der Otaku an ihren Hobbies wird in dieser Zeit augenscheinlich positiver aufgefasst.

Kritik der neuen Ansicht

Kritiklos bleibt die Geschichte vom Zugmann nicht. Der Autor Honda Tōru verfasste so im Jahr 2008 das Werk “Dempa Otoko”, in dem er die angedeutete Thematik, dass sich ein Otaku ändern müsse, um gesellschaftliche Anerkennung zu erreichen und Liebe zu finden, kritisiert. Dadurch werde deutlich, dass die Otaku nach wie vor als Außenseiter gesehen werden.

Ähnliches gilt für weitere Videos zur Subkultur. Thomas Lamarre beschreibt, wie die Reaktionen auf Toshio Okadas „Otaku No Video“ das fanatische Interesse der Otaku als „Ernsthaftigkeit“ auffassen. [11]

Offensichtlich stellt hierbei die Kategorisierung der Zuschauer ein Problem dar, die potentiell selbst Otaku sind und das Thema dadurch voreingenommen betrachten. Die genannten Meinungen bilden dennoch einen starken Kontrast zum öffentlichen Ansehen in den Medien kurz nach 1989.

Das Akihabara-Massaker

Akihabara passt sich den Otaku an. Heutzutage siehst du hier häufig junge Mädchen im Cosplay, die Geschäfte bewerben.

19 Jahre lang erholt sich der Ruf der Otaku, bevor das nächste Ereignis potenziell negative Auswirkungen auf das Ansehen der Subkultur hat. Am 8. Juni 2008 fährt Katō Tomohiro mit einem Lastwagen in eine Menschenmenge in Akihabara und greift darauf Passanten mit einem Messer an.

Insgesamt sterben sieben Personen aufgrund des Angriffes und zehn weitere werden verletzt. Der Täter wird als Otaku identifiziert. Die Gründe dafür scheinen sich wieder auf Klischees zu berufen, welche die Mitglieder dieser Subkultur als antisozial porträtieren.

Ein altes Klischee

Katō verbringe seine Freizeit die meiste Zeit zuhause und unterhält sich mit anderen Leuten hauptsächlich online. Weiter ist er Besitzer mehrerer Anime-DVDs und zeichnet selbst Bilder im Manga-Stil. Die Medien greifen zudem sein starkes Interesse an Akihabara auf. [12]

Der Vorfall ist, ähnlich wie die Taten von Tsutomu Miyazaki, besonders Aufsehen erregend. Entsprechend beschäftigen sich die Medien über einen langen Zeitraum mit dem Fall. Slater und Glabraith beschreiben das Ereignis in ihrem Artikel „Re-Narrating Social Class and Masculinity in Neoliberal Japan – And examination of the media coverage of the ‚Akihabara Incident‘ of 2008“ als einen der schlimmsten Massenmorde im Japan der Nachkriegszeit.

In Berichten über die Taten Katōs konzentrieren sich die Nachrichten besonders auf die schlechten Aspekte von Akihabara. Diese Vorgehensweise scheint hier noch stärker in den Vordergrund zu treten, als das bei den Taten von Miyazaki der Fall war.

Hetze nur noch durch die Boulevardpresse

Ein großer Unterschied ist, wo die entsprechenden Reaktionen auftreten. Während die Otaku 1989 noch in seriösen Medien wie der Tageszeitung Asahi Shimbun als Problem dargestellt werden, passiert das jetzt nur noch in Boulevardzeitschriften.

Weniger populistische Quellen nennen zwar die Verbindung Katōs zur Otaku-Szene, werten sie aber nicht. Damit spiegelt sich der mittlerweile gebesserte Ruf in der Medienlandschaft wieder.

Bis zum heutigen Tag verbesser sich der Ruf der Otaku also merklich im Ansehen der Öffentlichkeit, auch wenn eine vollständige Akzeptanz nach wie vor ausbleibt.

Quellennachweise

[1] Kikuchi, Satoru (2015). The Transformation and Diffusion of ‚Otaku‘ Stereotypes and the Establishment of ‚Akihabara‘ as a Place-brand. In: Galbraith, Patrick W.; Huat Kam, Thiam; Kamm, Björn-Ole (Hrsg.) (2015). Debating Otaku in Contemporary Japan. Historical Perspectives and new Horizons. London: Bloomsbury. S. 153 ff.
[2] Oberländer, Christian (2006). Otaku: Aufstieg und Internationalisierung eines Massenphänomens in Japan. In Jäger, Andrea/ Anros, Gerd/ Dunn, Malcom H. (Hrsg.): Masse Mensch. Das „Wir“ – sprachlich behauptet, ästhetisch inszeniert. Halle: Mitteldeutscher Verlag 2006, S. 106.
[3] Oberländer, Christian (2006). S. 107.
[4] Morikawa, Kaichiro (2012). Otaku and the City. The Rebirth of Akihabara. In Ito, Mizuko; Okabe, Daisuke; Tsuji, Izumi (Hrsg.) (2012): Fandom Unbound. Otaku Culture in a Connected World. New Haven & London: Yale University Press, S. 134 ff.
[5] Oberländer, Christian (2006). S. 108.
[6] Oberländer, Christian (2006). S. 109.
[7] Lamarre, Thomas (2006). Otaku movement. In: Yoda, Tomoko; Harootunian, Harry.  (Hrsg.) (2006): Japan after Japan. Social and Cultural Life from the Recessionary 1990s to the Present. Durham 2006: Duke University Press. S. 370.
[8] Ito, Mizuko; Okabe, Daisuke; Tsuji, Izumi (Hrsg.) (2012): Fandom Unbound. Otaku Culture in a Connected World. New Haven & London: Yale University Press. S. 16 f.
[9] Ito, Mizuko; Okabe, Daisuke; Tsuji, Izumi (Hrsg.) (2012). S. 14 f.
[10] Ito, Mizuko; Okabe, Daisuke; Tsuji, Izumi (Hrsg.) (2012). S. 15 f.
[11] Lamarre, Thomas (2006). S. 373
[12] Freedman, Alisa (2015). Train Man and the Gender Politics of Japanese ‚Otaku‘ Culture. In: Galbraith, Patrick W.; Huat Kam, Thiam; Kamm, Björn-Ole (Hrsg.) (2015). Debating Otaku in Contemporary Japan. Historical Perspectives and new Horizons. London: Bloomsbury. S. 137.

1 Kommentar zu „Ironischer Wandel: Wie Otaku zum Symbol Japans werden“

  1. Sehr professioneller, wissenschaftlich fundierter Artikel, der die Welt der Otakus sachlich, erfahren und populärwissenschaftlich für Interessenten und Neugierige öffnet. Prima! Wir informieren uns sehr gern auf dieser Seite hier!

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