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Otaku-Mörder: Warum gerade Japan in den 90ern Anime ächtet

Eine Mordserie erschüttert die Subkultur der Otaku Ende der 1980er Jahre.

Ein Grund, wieso Anime und Manga in Japan lange Zeit eher negativ beäugt werden, ist der Otaku-Mörder von 1989. Zwar genießen sie bereits zuvor kein allzugutes Ansehen, die Taten von Tsutomu Miyazaki beeinträchtigen den Ruf des Mediums allerdings besonders stark.

Die zu dieser Zeit belächelten Medien der Otaku werden im Auge der Öffentlichkeit zu Produkten, die die heranwachsenden negativ beeinflussen. Hier erzähle ich dir, was hinter den Ereignissen steckt.

Wer war der Otaku-Mörder?

Bei dem Otaku-Mörder handelt es sich um den 1962 geborenen Tsutomu Miyazaki. Vorneweg: er ist nicht mit Hayao Miyazaki, dem Mitbegründer des Anime-Studio Ghibli verwandt.

Aufgrund eines angeborenen Defekts, durch den er sein rechtes Handgelenk nicht vollständig drehen kann, ist er als Kind häufig Ziel von Hänseleien. Das Resultat ist, dass er kaum Freunde findet und sich sozial distanziert. Seine freie Zeit verbringt er alleine mit Zeichnen und Manga.

Anfänglich ein Musterschüler, fallen seine Noten vor dem Eintritt in die Hochschule stark ab. Statt wie geplant die Meiji Universität zu besuchen, geht er an eine lokale Uni und lernt das Handwerk eines Foto-Technikers.

Familiäre Probleme

Der Grund dafür könnte sein familiäres Umfeld sein. Sein Vater leitet so eine einflussreiche Zeitungsagentur und Miyazaki selbst soll der Meinung gewesen sein, finanzieller Erfolg sei seiner Familie wichtiger als er.

Die einzigen Personen denen er sich nah fühlt, sind sein Großvater sowie seine ältere Schwester. Ersterer habe ihn zudem durch eine schwere Zeit geholfen, während der er über Selbstmord nachdenkt.

Bereits an der Uni soll er Fotos vom Schritt weiblicher Tennisspielerinnen machen und vermehrt pornografische Zeitschriften lesen. Wie er angibt, werden diese jedoch langweilig für ihn, da sie “das wichtigste” zensieren. Einen Ausweg sieht er in Lolicon-Manga: Diese bilden minderjährige Charaktere in häufig erotischen Situationen ab.

Tod seines Großvaters

Nach dem Tod seines Großvaters im Jahr 1988 soll er sich Aussagen seiner Familie zufolge schlagartig ändern. So beobachtet er seine jüngeren Schwestern beim Duschen und greift, wenn konfrontiert, gar seine Mutter an.

Er selbst gibt zudem an, die Asche seines Großvaters zu essen, um sich diesem näher zu fühlen. Beim Anblick junger Mädchen, die alleine spielen, erinnert er sich an seine eigene Kindheit.

Anime als Mordanleitung

Einen Tag nach seinem 26. Geburtstag beginnt er seine Mordserie, während der er in den Jahren 1988 und 1989 vier junge Mädchen im Alter zwischen vier und sieben Jahren entführt, misshandelt, tötet und verzehrt. [1]

Er belässt es nicht allein bei diesen Taten, sondern belästigt darauf die Familien der Opfer mit Telefonanrufen und Briefen, in denen er die Vorgehensweise der Mordtat ausführlich beschreibt.

Die Polizei fasst ihn am 23. Juli 1989 bei dem Versuch, ein weiteres Opfer zu entführen. Da der Vater des Mädchens ihn stellt, flieht er zu Fuß und wird später von den Gesetzeshütern aufgegriffen, als er sein Auto vom Tatort abholen will.

Bei der Durchsuchung seiner Wohnung stellt die Polizei mehr als 6.000 Videobänder mit Anime-, Hentai-, Horror- und Slasherfilmen, sowie Aufzeichnungen seiner Opfer sicher. Zwei der gefundenen Filme sollen gar eine Vorlage für seine Taten sein.

Erst Kinderkram, dann nichts für Kinder

Aufgrund der sonst geringen Kriminalitätsrate in der Präfektur Saitama, sorgen die Taten von Miyazaki für Hysterie. Das Resultat sind Vorurteile, die sich gegen die gesamte Gruppe der Otaku richten.

Die Medien sehen in Anime die Grundlage für die Morde. Weiter behaupten sie, der Otaku-Mörder sei aufgrund von Anime nicht mehr in der Lage, Realität und Fiktion voneinander zu unterscheiden.

Dadurch verstärken sich die bereits zuvor existierenden Klischees und die Beschreibungen der Mitglieder der Otaku-Subkultur fallen fortan noch negativer aus als zuvor. Beispielsweise werden sie als Menschen „[…] ohne die einfachsten Kommunikationsfähigkeiten, die sich oft in ihre eigene Welt zurückziehen.“ beschrieben. [2]

Panik gegen die Subkultur

Nach der Mordserie kam es zu einer regelrechten Furcht vor Liebhabern von Anime.
Nach der Mordserie kommt es zu einer regelrechten Furcht vor Liebhabern von Anime.

Die Taten von Miyazaki machen den Begriff Otaku, wenn auch unfreiwillig, in Japan bekannt. Die nationale Tageszeitung Asahi nutzt das Wort im Rahmen dieses Vorfalls zum ersten Mal. Der Begriff ist letzten Endes so stark negativ konnotiert, dass die japanische Rundfunkgesellschaft NHK ihn in ihren Programmen verbietet. [3]

Im Angesicht der Taten Miyazakis finden groß angelegte Razzien gegen Verleger statt, während derer einige Erschaffer von Manga verhaftet werden. [4] Zudem gründet sich eine gemeinnützige Organisation namens CASPAR mit dem Ziel Lolicon – Manga, die minderjährige Mädchen darstellen – stärker zu regulieren. Sie behaupten, Anime und Videospiele fördern Sexualverbrechen.

Die Reaktion auf den „Otaku-Mörder” lässt sich mit der Panikwelle gegen „Killerspiele“ vergleichen, wie sie in Deutschland 2002 nach dem Amoklauf in Erfurt startet. Auch hier wird ein gesellschaftlich nicht sonderlich angesehenes Medium von den Nachrichten als Grundlage für Gewaltverbrechen gewertet, was als Resultat ein schlechtes Licht auf Videospieler als solches wirft.

Kritik an den Funden

Die bei der Durchsuchung von Miyazakis Wohnung gefundenen Filme stoßen bei Forschern auf Kritik. Otsuka Eiji behauptet sogar, dass ein Fotograf Pornosammlungen hinzugefügt haben soll, um auf die Perversion der Tat aufmerksam zu machen.

Fumiya Ichihashi hingegen kritisiert, dass in den Medienberichten über den Mörder die zu dieser Zeit bereits gering geschätzten Anime und Manga überbetont werden. Ichihashi zufolge will die Polizei den negativ besetzten Otaku-Stereotypen nutzen, um einen schnellen Schuldspruch zu erreichen.

Sharon Kinsella merkt dazu an, dass Sammlungen von Manga und Anime wie von Miyazaki zu dieser Zeit keinesfalls unüblich sind. Die Zimmer vieler Jugendlicher im Tokio der 90er Jahre sollen ähnlich aussehen.

Was wird aus dem Otaku-Mörder?

Miyazakis Verhandlung beginnt am 30. März 1990. Seine Aussagen sind hier häufig sinnbefreit und wenig zusammenhängend. Zu den Morden soll ihn der “Rattenmann” gezwungen haben. Eine Zeichnung von diesem im Anime-Stil fertigt er im Laufe des Prozess an.

Das Verfahren dauert sieben Jahre an und konzentriert sich vor allem auf den geistigen Zustand von Miyazaki. Denn die japanische Gesetzgebung sieht vor, dass geistig Kranke nicht bestraft werden können.

Verschiedene Gutachten kommen zu dem Schluss, dass Miyazaki schizophren sei oder eine multiple Persönlichkeitsstörung besitze. Trotz dieser Umstände attestierte man ihm letztendlich, dass er dennoch in der Lage sei, das Ausmaß seiner Taten einzuschätzen, womit er strafmüdig sei.

Die Todesstrafe Miyazakis wird am 17. Juni 2008 durch Erhängen vollzogen. Der Strafvollzug erfolgt kurz nach dem Massaker in Akihabara von 2008. Bei dem fuhr der 25 Jahre alte Kato Tomohiro in eine Menschenmenge und erstach danach zwölf Personen mit einem Messer. Kritiker fragen sich dadurch, ob beide Ereignisse in Zusammenhang stehen und Miyazaki als Reaktion auf das neue Attentat hingerichtet wurde.

Anhaltende Auswirkung

Sexualisierte minderjährige Mädchen sind in Japan durch Idols weit verbreitet. Auch in manchen Anime tauchen sie auf.
Sexualisierte minderjährige Mädchen sind in Japan durch Idols weit verbreitet. Auch in manchen Anime tauchen sie auf.

Obwohl sich der Ruf von Manga und Anime daraufhin erholt, wird diese Tat selbst heutzutage noch mit entsprechenden Medien in Verbindung gebracht.

Häufiger tauchen Diskussionen bezüglich Lolicon auf, in denen dieses mit Kinderpornographie gleichgesetzt wird. Deren Verteidiger geben jedoch an, dass sie ausschließlich an den fiktiven 2D-Charakteren interessiert sind, die niemals im echten Leben existieren können.

Quellennachweise

[1] Oberländer, Christian (2006). Otaku: Aufstieg und Internationalisierung eines Massenphänomens in Japan. In Jäger, Andrea/ Anros, Gerd/ Dunn, Malcom H. (Hrsg.): Masse Mensch. Das „Wir“ – sprachlich behauptet, ästhetisch inszeniert. Halle: Mitteldeutscher Verlag 2006, S. 105.
[2] Azuma, Hiroki (2009). Otaku. Japan’s Database Animals. London: University of Minnesota Press. S. 4.
[3] Oberländer, Christian (2006). Otaku: Aufstieg und Internationalisierung
eines Massenphänomens in Japan. In Jäger, Andrea/ Anros, Gerd/ Dunn, Malcom H. (Hrsg.): Masse Mensch. Das „Wir“ – sprachlich behauptet, ästhetisch inszeniert. Halle: Mitteldeutscher Verlag 2006, S. 106.
[4] Gravett, Paul (2004). Personal Agendas. Manga: Sixty Years of Japanese Comics. London: Laurence King Publishing. S. 136.

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