Japans Kultur gegen Corona – Verbreitet es sich wirklich langsamer?

Japan hat seine ganz eigene Art- und Weise, mit dem Corona-Virus umzugehen.

Den Statistiken zufolge verbreitet sich das Coronavirus in Japan viel langsamer als in anderen Ländern. Stimmt das wirklich, oder wird die Statistik geschönt?

Ich betrachte, wie das Land der aufgehenden Sonne mit der Pandemie umgeht, wie es kritisiert wird und ob in der japanischen Kultur möglicherweise Verhaltensweisen versteckt sind, an denen wir uns im Westen ein Beispiel nehmen können.

Diesen Artikel gibt es auch als Video! Die Text-Version wird bei Bedarf allerdings aktualisiert.

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Die Ankunft des Virus

Auch Japan bleibt nicht vom Coronavirus verschont, geht mit der Krankheit jedoch ganz anders um als die meisten westlichen Staaten. Der erste Fall wurde am 16. Januar 2020 in Kanagawa bekannt. Seitdem verbreitet sich der Erreger bis in die letzten Ecken der Nation.

Am schwersten betroffen sind Tokio, Osaka und Hokkaido. Berichten zufolge soll sich Corona in Japan zudem weitaus langsamer verbreiten als in anderen Ländern. Doch stimmt das? Um die Lage zu ergründen, verschaffe ich mir erst einmal einen Überblick über die aktuelle Situation.

Alltag trotz Corona

Das Alltagsleben geht – zumindest im Süden des Landes – zum Großteil unverändert weiter. Ein Grund dafür ist, dass viele Infektions-vorbeugende Maßnahmen in Japan bereits seit Jahren zum Alltag gehören.

Am bekanntesten sind wohl die Gesichtsmasken, die Japaner aus den verschiedensten Gründen tragen. Entweder um sich vor Ansteckung durch andere zu schützen, selbst niemanden anzustecken, wenn man krank ist, oder auch aus Angst vor verunreinigter Luft.

Darüber hinaus gibt es in sehr vielen Geschäften schon seit einigen Jahren Desinfektionsflaschen, mit denen ihr eure Hände reinigen könnt und in Restaurants erhältst du vor der Mahlzeit zudem immer ein feuchtes Tuch, um deine Hände zu waschen.

Auch die traditionellen Begrüßungsrituale sind hygienischer als im Westen. Händeschütteln ist in Japan eher ungebräuchlich. Einzig und allein der Höflichkeit ist es geschuldet, dass viele Japaner Westlern zur Begrüßung die Hand geben. Der Standard ist jedoch eine Verbeugung mit gebührenden Abstand zwischen den Personen.

In Japan tragen viele Menschen auch dann Gesichtsmasken, wenn es keine Corona-Pandemie gibt.

In Japan tragen viele Menschen auch dann Gesichtsmasken, wenn es keine Corona-Pandemie gibt.

Hiroshima: als gäbe es keine Pandemie

In Hiroshima, wo der Virus erst sehr spät ankommt und Stand 30. März 2020 gerade einmal sechs Fälle bekannt sind, musst du schon genau hinsehen, um die Auswirkungen auf das öffentliche Leben zu bemerken. Parks sind so vor allem tagsüber noch sehr gut besucht und selbst in diversen Restaurants reihen sich Menschen eng aneinander.

Nur dazwischen siehst du, dass gerade viele touristische Attraktionen wie das Schloss oder die Kunsthalle geschlossen sind. Zudem ist das Stadtzentrum etwas weniger überlaufen als normalerweise. Und ja: auch in Japan gingen die Hamsterkäufe los und eine Zeit lang war es schwer, Toilettenpapier zu finden sowie Masken zu kaufen. Die Geschäfte wirkten dagegen, indem sie nur noch eine Packung pro Person verkauften. Mittlerweile hat sich diese Lage zumindest in dieser Stadt wieder normalisiert.

Doch diese Eindrücke stammen aus einem zumindest zu dieser Zeit noch unbetroffenen Gebiet. Wie sieht es hingegen im Rest des Landes aus?

Touristenattraktion schließt auch Hiroshima nach dem Corona-Ausbruch sehr früh.

Touristenattraktionen schließt auch Hiroshima nach dem Corona-Ausbruch sehr früh.

Die Reaktion der Regierung

Besonders viel Aufsehen erregt der Ausbruch der Krankheit auf dem Schiff Diamond Princess im Hafen von Yokohama, welches von der Regierung unter Quarantäne gestellt wurde. Einem weiteren Schiff – der MS Westerdam aus Hongkong – verweigert man nur kurz darauf am 6. Februar 2020 die Einfahrt ins Land, da einer der Passagiere positiv getestet wird.

Besonders problematisch war die geplante Veranstaltung der olympischen Spiele im Sommer 2020. “War”, weil diese nach langem hin und her letztendlich auf das Jahr 2021 verschoben werden. Bereits nach der ersten Infektion innerhalb Japans beginnt das Olympische Kommitee, mit der Regierung zusammenzuarbeiten, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern.

Gerade wurde Japan jedoch noch von südkoreanischen Medien kritisiert, es würde zu wenig getestet, um die für den Sommer geplanten olympischen Spiele doch noch stattfinden lassen zu können. Auch japanische Ärzte ließen verlauten, Gesundheitszentren verweigerten ihnen umfangreichere Tests. Darauf wurden umfangreiche Untersuchung durch die Japan Medical Association und das japanische Gesundheitsministerium angekündigt.

Anstieg nach Verschiebung von Olympia 2020

Kurz nach der Verschiebung beginnen die bekannten Fälle in der Hauptstadt Tokio zu steigen – einer der größten Metropolen der Welt. Um eine komplette Absperrung der Stadt zu verhindern, wendet sich die Bürgermeisterin Koike Yuriko an die Bevölkerung und bittet diese darum, zuhause zu bleiben, um eine explosionsartige Verbreitung des Virus in der Hauptstadt zu verhindern.

Es zeigt Wirkung: Die Straßen der sonst stark bevölkerten Stadt sind fast leer und viele Läden schließen vorübergehend. Diesen Aufruf will Koike deswegen auch in Zukunft wiederholen.

Laut der japanischen Nachrichtenseite NHK ist die Meinung der Bevölkerung zur Reaktion der Regierung gespalten. Etwa die Hälfte halte die Maßnahmen so für angebracht. Den Ernst der Lage soll vor allem der Tod des beliebten Komikers Shimura Ken, der am 23. März im Alter von 70 Jahren an COVID-19 verstarb, gegenüber der Bevölkerung verdeutlicht haben.

Low-Tech-Schutzmaßnahme: Mit einer einfachen Plastikfolie weden nicht nur japanische Angestellte in Konbinis gegen Corona geschützt, sondern auch in offiziellen Einrichtung der Regierung.

Low-Tech-Schutzmaßnahme: Mit einer einfachen Plastikfolie weden nicht nur japanische Angestellte in Konbinis gegen Corona geschützt, sondern auch in offiziellen Einrichtung der Regierung.

Nicht genug Corona-Tests?

Den offiziellen Statistiken zufolge gibt es in Japan derweil weitaus weniger Fälle als in Deutschland. In dem fernöstlichen Land sind Stand 31. März 2020 2077 Fälle bekannt, von denen bereits 424 wieder genesen sind. Gleichzeitig wird allerdings auch weniger getestet. Mit 61.913 Fällen gibt es in Deutschland direkt 30 Mal mehr Fälle als Japan überhaupt Tests durchgeführt hat.

Das auswärtige Amt Deutschlands warnt deswegen: Das Risiko in Japan ließe sich nicht einschätzen, da nur schwer erkrankte Personen und jene mit hohem Infektionsrisiko getestet werden. Zum genannten Datum sind das 28.966 Personen.

Wer als Person mit hohen Infektionsrisiko zählt, zeigt beispielsweise ein Fall bei dem Entwickler Kojima Productions. Diese stellen ihren Betrieb auf Home Office um, seit Corona bei einem Angestellten nachgewiesen wurde. Die weiteren Mitarbeiter zählen nicht als gefährdet, da die Symptome des besagten Beschäftigten nicht im Büro einsetzten.

Die Testergebnisse traten elf Tage nach seinem letzten Aufenthalt in dem Firmengebäude ein. Die Umstellung auf Home Office geschieht dadurch aus eigenem Antrieb und nicht gezwungenermaßen.

Bitte statt Lockdown

Einen Zwang Schutzmaßnahmen umzusetzen, gibt es nicht. Der Bitte kommen jedoch viele - wenn auch nicht alle - Einwohner Japans nach.

Einen Zwang, Schutzmaßnahmen umzusetzen, gibt es nicht. Der Bitte kommen jedoch viele – wenn auch nicht alle – Einwohner Japans nach.

Während die Zahl der Infizierten in Tokio sprunghaft nach oben schießt und momentan mehr als 100 neue Fälle pro Tag registriert werden, will die Regierung dennoch keinen Lockdown der Hauptstadt veranlassen. Premierminister Abe Shinzo versucht die Ausbreitung stattdessen einzudämmen, indem er jedem Haushalt Japans zwei wiederverwendbare Stoffmasken zusendet.

Ein Unterfangen, dem die Bevölkerung mit Spott begegnet. Die bezeichnen die Aktion mittlerweile als “Abenomask” (Abe’s Masken), in Anlehnung an Abenomics, wie die wirtschaftspolitischen Maßnahmen des Premiers aus dem Jahr 2012 genannt werden.

Ob die Infektion in Japan insgesamt durch die weite Verbreitung von Masken und der kulturellen Eigenheiten in der Tat langsamer verläuft als in Deutschland, lässt sich bisher aber nicht mit Sicherheit sagen.

Gerade die schnelle Ausbreitung innerhalb Tokios dürfte wohl eher daher stammen, dass es sich um eine der größten Metropolen der Welt handelt. Menschen zwängen sich hier täglich in überfüllte Züge und auch auf den Straßen herrscht regelrechtes Gedränge.

Zumindest eine Tatsache ist einer Reihe unabhängiger Studien zufolge erwiesen: Das Tragen von Masken bremst in der Tat die Ausbreitung des Virus.

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