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Abgründe in Japans Kultur – Was steckt hinter der Höflichkeit?

Notlügen oder kleine White-Lies kennst du aus Deutschland zu genüge. Doch in der Kultur von Japan wird es extrem: Damit der Gesprächspartner sich gut fühlt, sagt man hier einfach zu und erscheint später nicht zur Verabredung. Dahinter steckt das System der Tatemae und Honne. Es ist komplex und wird selbst in Japan kritisiert.

Wie das im echten Leben aussieht, erkläre ich euch anhand meiner eigenen Erfahrungen an der Senshu Universität in Kanagawa. Während meines Austauschstudiums renne ich mehrmals gegen die Tatemae an und merke, wie nachteilig es ist, die Fassade mit Gewalt zu durchbrechen.

Das oben eingebettete Video basiert auf diesem Artikel. Die Text-Variante wird jedoch bei Bedarf aktualisiert und erweitert.

Immerhöfliches Japan

In der Kultur von Japan verbeugt man sich stets höflich.
Nach außen hin sind Japaner die wohl höflichsten Menschen, was bei kurzfristigen Begegnungen ganz angenehm ist.

Japan: Ein Land, dessen Kultur sich gar nicht stärker von der westlichen unterscheiden könnte. Statt dem Individuum steht die Gruppe im Vordergrund und unhöfliche Menschen gibt es nicht. Oder etwa doch?

Die japanische Gesellschaft, wie du sie aus Klischees oder der Urlaubsreise kennst, ist genauso eine Fassade für die Realität, wie das individuelle Verhalten vieler Japaner.

Denn Höflichkeit ist so ein komisches Ding. Wer eine Einladung ablehnt, fühlt sich immer schlecht. Dabei will man gar nichts böses. Man hat halt einfach nur keine Lust. Manchmal wird sowas aber persönlich genommen.

Also nutzt du Notlügen, um das Gegenüber nicht zu verletzen. Und so sagst du dem Bettler auf der Straße nicht “Ich hab zwar einen Euro, aber dir werd ich den nicht geben!”, sondern einfach nur “Tut mir leid. Ich hab kein Geld dabei!” Da kann dann keiner was dafür. Ist halt so.

Was ist in Japan anders?

Japan treibt diese Höflichkeit jedoch auf eine schon fast nervtötende Spitze. Absagen gibt es einfach nicht. Und das führt, gerade beim interkulturellen Austausch mit sturen Ausländern wie mir selbst, zu Problemen, wie ich in meinem Austauschstudium von 2015 bis 2016 hautnah erfahre.

Zu dieser Zeit studiere ich im Rahmen meines Japanologiestudiums an der Senshu-Universität in Kanagawa. Im hiesigen internationalen Wohnheim leben die Austauschstudenten mit den japanischen Studierenden zusammen, um die Interaktion zwischen verschiedenen Kulturen zu fördern.

Als Jungspund habe ich an der Universität natürlich etwas über die japanische Kultur gelernt: So sind mir die beiden Begriffe Tatemae – das sozial erwartete Verhalten – und Honne – die ehrliche Meinung – bekannt. Deren Umsetzung im realen Leben jedoch trifft mich wie ein Holzhammer.

Sei nicht du selbst!

Jung und unerfahren folge ich stets der offenen Einstellung, dass man beim Kontakt mit Japanern einfach nur man selbst sein sollte. Immerhin sucht doch jeder nur Freunde und es gibt ja keinen Grund zu lügen. Eine Einstellung, die sich als schwerer Fehler herausstellt. Das wahre Gesicht ist in Japan nur den engsten Freunden und Bekannten vorbehalten. Vor Fremden wird eine undurchdringliche Maske aufgesetzt.

Im Wohnheim bin ich etwa die ersten zwei Wochen nach dem Kennenlernen interessant. Die Leute kommen auf mich zu, versuchen Smalltalk zu betreiben, sich zu unterhalten. Jede noch so langweilige Geschichte, die ich auf Lager habe, wird als beeindruckend und faszinierend bezeichnet und ich werde zu diversen Gruppenunternehmungen eingeladen, die dann auch stattfinden. Ich glaube, man komme sich näher, verstehe sich mit den Leuten und kann zu echt guten Kumpels werden.

Plötzlich uninteressant

In der Kultur von japan steht die Gruppe über dem Individuum. Das wirkt sich auch auf Freundschaften aus.
Gruppenunternehmungen sind in Japan kein Problem. Persönlicher zu werden ist hingegen ungewöhnlich.

Auftritt Kurzzeitstudenten. Im Wohnheim gibt es nicht nur jene, die wie ich ein Jahr lang bleiben, sondern auch andere Studenten aus allen Ländern, die nur für ein paar Monate bleiben. Mit deren Ankommen werden die Langzeitstudenten uninteressant.

Die Japaner konzentrieren sich plötzlich ausschließlich auf die Neuankömmlinge. Der Grund ist simpel: das fröhliche auf einen Zugehen und etwas zusammen Unternehmen ist Teil der Höflichkeit und wird so von der Gesellschaft erwartet. Darüber hinaus besteht jedoch kein ernsthaftes Interesse sich näherzukommen.

Ab diesem Punkt spüre ich die Tatemae: ich versuche eine kleine Reise in ein Aquarium zu organisieren und lade die Bewohner des Wohnheims ein. Doch diese haben entweder keine Zeit oder anderweitig keinen Bock. Und ja: vielleicht hassen mich einige auch einfach nur zutiefst und würden lieber in einen Vulkan springen, als etwas mit mir zu unternehmen. Offen mitteilen würde mir das jedoch niemand.

Fremde Kultur: Ja heißt Nein

Anstatt meine Einladungen jedoch abzulehnen, sagen sie einfach zu. Es wird erwartet, dass ich weiß, was mein Gegenüber denkt. In der Kultur von Japan hat das einen eigenen Begriff: “Kuuki wo yomu” – “Die Atmosphäre lesen”. Und Westler sind verdammt schlecht darin.

Zum abgesprochenen Termin gehe ich in den Aufenthaltsraum und werde von einer gähnenden Leere begrüßt. Es lässt sich einfach niemand blicken. Es gibt nicht einmal eine Absage. Das Thema wird nie wieder angesprochen. Denn so verliert keiner sein Gesicht und die Illusion eines guten Zusammenlebens bleibt erhalten.

Doch keine Sorge: wenn dir so etwas passiert, wirst du bereits bei der nächsten Begegnung zurück eingeladen! Du darfst nur auf keinen Fall den Fehler machen und diese Einladung ernst nehmen. Also sag einfach wie toll das ist und wie sehr du dich darauf freut. Stattfinden wird das Treffen sowieso nicht. Und – um es mal eindeutig zu sagen – das geht selbst Japanern auf den Wecker. Doch anerzogene kulturelle Gewohnheiten kann niemand einfach so ablegen.

Freundschaft? Nein Danke!

Auch die besagten Kurzzeitstudenten bemerken dieses Verhalten nach einigen Wochen. Eine Freundin aus Rumänien erklärt mir: “Die interessieren sich eh nicht für uns.” Unter den Austauschstudenten sind wir uns einig, dass die Ausländer einzig zur Unterhaltung der Japaner da sind und kein Interesse an tiefer gehenden, echten Freundschaften besteht.

Nach einer Weile gehen mir die ewigen Zusagen und das darauf folgende Nicht-Erscheinen ziemlich gewaltig auf die Neven. Doch die Unmöglichkeit abzusagen nimmt obskure Ausmaße an.

Auf meine direkte Ansage an eine der Japanerinnen, mir einfach mitzuteilen, wenn sie nichts mit mir zu tun haben will, läuft sie mir über einen Kilometer durch die Stadt hinterher und versichert mir, dass sie unbedingt gut befreundet sein will.

In einem weiteren Fall wird es gar so weit getrieben, dass ich die Eltern einer japanischen Studentin privat kennenlerne, weil diese versucht, von mir eine Absage zu erwirken. Beide strafen mich jedoch kurz darauf erneut mit dem Ignorieren von Einladungen und kurz gehaltenen Konversationen. Einen besseren Zeitpunkt von “gemischten Signalen” zu sprechen, gibt es wohl kaum.

Die wahren Gefühle der Honne werden ausschließlich den engsten Freunden und der Familie gegenüber anvertraut.
Die wahren Gefühle der Honne werden ausschließlich den engsten Freunden und der Familie anvertraut.

In Japan ist ehrlich sein unhöflich

Um das sozial erwartete Verhalten der Tatemae aufrechtzuerhalten werden ohne darüber nachzudenken Aussagen getroffen, die nicht mit den wahren Gedanken der Honne übereinstimmen. Kurz gesagt: es wird gelogen, um gut dazustehen.

Dabei wird nicht einmal vor Liebesbeziehung halt gemacht. Die enden in Japan nicht selten ohne einen klaren Schlussstrich, sondern einfach mit sogenanntem Ghosting. Also indem man sich von heute auf morgen nie wieder beim Partner meldet. Dabei ist es egal, ob es sich um ein kurzes Intermezzo oder eine längjährige Beziehung handelt.

Die Tatemae-Kultur ist der Grund, wieso Touristen und Kurzzeitbesucher Japans die Einwohner stets als sehr umgänglich empfinden. Denn du wirst stets die aufgesetzte Freundlichkeit zu spüren bekommen. Am ehesten wird dir das typische “Nihongo jouzu desu ne!” übersetzt “Dein Japanisch ist aber gut!” auffallen, das du mit Garantie nach einem einfachen “Konnichiha!” zu hören bekommst. Bei kurzfristigen Interaktionen stellt dies kein Problem dar. Bei längerfristigem Miteinanderleben hingegen schon.

Soziale Probleme wegen Tatemae

Dieses – aus westlicher Sicht problematische – Verhalten ist ein großes Thema in der japanischen Sozialforschung, das Studien zufolge zu psychologischen Problemen führen kann. Makoto Natsume von der Osaka Shoin Frauenuniversität beschreibt beispielsweise depressive Zustände bei Personen, die lange Zeit ein falsches Lächeln aufsetzen. Weiter führe Tatemae gar zu Problemen bei der Strafverfolgung, wie Debitou Arudou bei der Japan Times erklärt. So wird bei Zeugen vor Gericht von vornherein davon ausgegangen, dass sie lügen, wodurch deren Aussagen nichtig werden.

Dass die Kultur von “Kuuki wo Yomu” nur sehr schlecht funktioniert, ist sogar wissenschaftlich erwiesen. Im Westen spricht man dabei von der illusion of transparency. Menschen überschätzen sehr häufig, wie gut andere ihre eigenen Gedanken nachvollziehen können.

Elizabeth Newton findet für ihre Dissertation an der Stanford Universität heraus, dass das Klopfen eines Liedes auf einer Tischplatte von Zuhörern nur als rhythmische Abfolge wahrgenommen wird, während der Klopfer selbst das Lied in seinem Kopf hört. Würde die soziale Interaktion in Japan so funktionieren wie erwünscht, wäre es ein leichtes zu erahnen, welches Lied sich dahinter verbirgt.

Hauptsache der Gesellschaft gefällt’s

Das eigene Verhalten in Japan mus allen voran den anderen gefallen.
Das eigene Verhalten in Japan muss vor allem den anderen gefallen.

Im Alltag Japans ist Ehrlichkeit kein so großes Ideal, wie du das aus der westlichen Kultur kennst. Die Tatemae besagt zwar, dass man Ehrlichkeit gut finden soll, weswegen man es anderen gegenüber auch so erklärt. Gleichzeitig existiert der Begriff “Baka Shojiki”, was Wort für Wort übersetzt so viel heißt wie “dumm ehrlich”. Damit wird kritisiert, wenn man seine ernsthafte Meinung äußert, solange diese nicht mit der Erwartungshaltung der Gesellschaft übereinstimmt.

Was man sich gerade vor längeren Japan-Aufenthalten klar machen muss ist, dass dieses Verhalten in Japans Kultur die Norm darstellt und mehr ist als einfach nur ein Klischee wie “jeder Deutsche mag Bier und Fußball”. Es wird tagtäglich gelebt und ist weitaus mehr als nur ein Abschnitt in einem Lehrbuch.

Wenn du in Japan soziale Kontakte suchst, musst du die Tatemae akzeptieren und entsprechend Gefallen an Gruppen-Events finden. Denn obwohl es nicht unmöglich ist, sind tiefergehende private Freundschaften eher die Ausnahme und in den meisten Fällen nur zu erreichen, wenn du eine Person über Jahre hinweg immer wieder triffst und gemeinsam etwas mit ihr unternimmst.

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