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Kawaraban: Zeitungen in Japans Edo- und Meiji-Zeit

Kawaraban sind die vorläufer der japanischen Zeitung.
Kawaraban sind die Vorläufer der japanischen Zeitung.

Was ist ein Kawaraban? Bei dem Begriff handelt es sich nicht nur um den Namen meiner Webseite, er bezeichnet auch Zeitungen in der Edo und Meiji-Zeit Japans. Dass sie einen besonderen Namen tragen, hat jedoch seine Gründe. Denn sie unterscheiden sich von üblichen Nachrichten.

Neuigkeiten via Flugblatt

Es sind einseitig mit schwarzer Tinte bedruckte Flugblätter, dessen ältestes sich auf das Jahr 1615 – der Edo-Zeit Japans und der Regierung des Tokugawa-Shogunats – zurückverfolgen lässt. Manchmal werden sie auch als Yomiuri bezeichnet. Sie kennzeichnen sich durch die folgenden Merkmale [1]:

  • Nachrichtengehalt
  • Kommerziell verkauft
  • Zeitnah veröffentlicht
  • Illegal, ohne Zustimmung der Regierung veröffentlicht
  • Anonym herausgegeben
  • Kostengünstig hergestellt

Kawaraban entstehen, weil die einfache Bevölkerung Japans ein Bedürfnis für Informationen entwickelt und auf dem Laufenden gehalten werden will. Später kommt noch Sensationslust hinzu, welche die Schreiber dankbar ausnutzen. Sie wollen eher unterhalten als bilden und setzen daher häufig auf überdramatisierte Darstellungen um einen Profit zu erwirtschaften. [2]

Entsprechend berichten die Flugblätter meist über Dinge wie Naturkatastrophen und Morde. Auch übernatürliche Ereignisse werden thematisiert. Ab dem 19. Jahrhundert gesellen sich zudem politische Ereignisse zur Themenwahl hinzu. Versuche der Regierung, den Inhalt zu kontrollieren oder die Verbreitung einzuschränken, sind wenig erfolgreich.

Das älteste bekannte Kawaraban berichtet vom Fall der Burg in Osaka während der Schlacht um Osaka im Jahr 1615.
Das älteste bekannte Kawaraban berichtet vom Fall der Burg in Osaka während der Schlacht um Osaka im Jahr 1615.

Die inhaltliche Qualität der Kawaraban ist sehr unterschiedlich. Für einen Hausbrand wird zum Beispiel einfach eine Karte der Umgebung mit einer kurzen Erklärung gedruckt, auf der ein Feuer abgebildet ist. [3] Umfangreichere Berichterstattung, zum Beispiel über Naturkatastrophen, benötigt deutlich mehr Platz. Trotzdem wird nur auf eine Seite gedruckt – die fällt dann einfach entsprechend größer aus.

Wie entstehen Kawaraban?

Ein Hauptmerkmal ist, dass die Produktion nie mit hohen Kosten verbunden ist. Vom verwendeten Material bis hin zur Druckexpertise wird stets gespart. Die Anfertigung selbst folgt hingegen einem simplen Muster:

Nach einem Ereignis erhält zunächst ein Schreiber den Auftrag, Text und Bilder anzufertigen. Auf Basis dieses Entwurfs stellt ein Plattenschneider Druckplatten her. Die werden darauf in der Druckerei für die Fertigung der Flugblätter genutzt. Die fertigen Kawaraban werden in Ezoshiya genannten Buchhandlungen sowie von Straßenhändlern verkauft.

Der Preis richtet sich nach der Größe: Einfache kosten 4 Mon – etwa ein Viertel einer Mahlzeit – größere hingegen bis zu 30 Mon – der doppelte Preis einer Mahlzeit.

Wo kommen Kawaraban her?

Während die erste nachgewiesene Nutzung des Begriffs Kawaraban Mitte des 19. Jahrhunderts stattfindet, ist die Herkunft der Flugblätter selbst ungeklärt. Auf Basis des Wortes selbst gibt es zwei Theorien:

Kawaraban wird mit den Kanji Kawara (瓦, dt. Dachziegel) und Ban (版, dt. Druck) geschrieben. Die Vermutung liegt nah, dass die ersten Kawaraban mit Dachziegelplatten gedruckt werden. Diese Theorie hat jedoch ein Problem: Die Existenz entsprechender Ziegelplatten ist nicht nachweisbar. Im Regelfall werden sie mit Holzdrucken angefertigt. [4]

Es ist allerdings nicht auszuschließen, dass das Wort selbst ein Witz ist: die Druckqualität sei so schlecht, dass es den Anschein habe die Hersteller nutzen die billigeren Dachziegelplatten.

Die zweite Vermutung geht von einer anderen Schreibweise von Kawara aus: 河原, dt. ausgetrocknetes Flussbett. Hier sehen Forscher eine Verbindung zu den Eta und Hinin, den niederen sozialen Schichten des feudalen Japans, die sich häufig am Flussufer aufhalten. Die Bedeutung von Kawaraban ist somit “Drucke für das gemeine Volk”.

Kawaraban und die Öffnung Japans

Bis zur Ankunft der Schwarzen Schiffe (jp. Kurofune) der USA unter dem Kommando von Matthew Calbraith Perry zum Ende der Edo-Zeit ist die Menge der gedruckten Kawaraban so groß, dass die Regierung sie nicht mehr kontrollieren kann. [5]

Dieses Ereignis kennzeichnet den Beginn der Öffnung Japans gegenüber dem Rest der Welt und sorgt für einen Umschwung innerhalb der Edo-Gesellschaft. Die Bevölkerung beginnt, sich mehr für die Welt außerhalb Japans zu interessieren. Ein Interesse, das die Kawaraban befriedigen. [6] Denn der Bevölkerung wird untersagt, die Neuankömmlinge treffen oder sehen zu können. Ihre Sensationslust stillen sie somit durch das Lesen der Flugblätter. [7]

So entstehen die Kurofune Kawaraban. Von diesen produziert man mehr als 500 Druckplatten, mit denen jeweils 2.000 Kawaraban hergestellt werden – eine Gesamtauflage von einer Millionen Exemplare. Damit festigt sich die stereotypische Darstellung der Schiffe mit drei Masten, der amerikanischen Flagge, Kanonen, einem Rad an der Seite und schwarzen, aufsteigenden Rauch.

Ein Beispiel einer Kawaraban-Abbildung der Schwarzen Schiffe von Commodore Perry.
Ein Beispiel einer Kawaraban-Abbildung der Schwarzen Schiffe von Commodore Perry.

Ende der Kawaraban

Das letzte Kawaraban wird in den Jahren 1871/72 gedruckt. Danach werden sie von farbigen Zeitungen wie der Tokio Nichinichi Shinbun abgelöst.

Aufgrund des verwendeten Materials haben viele Kawaraban nicht überlebt. Die noch existierenden Exemplare gewähren jedoch einen einzigartigen Einblick in das vergangene Japan, auch wenn sie aufgrund ihrer populistischen Natur nicht wörtlich verstanden werden sollten.

Quellennachweise

[1] Tomizawa, Tatsuzou (2005). Nishikie no Chikara: Bakumatsu no Jijiteki Nishikie to Kawaraban. Tokyo: Bunsei Shoin 2005. S. 24, 28.
[2] Steele, William (2003). Alternative Narratives in Modern Japanese History. London: RoutledgeCurzon (2003). S 5.
[3] Tomizawa, Tatsuzou (2005). Nishikie no Chikara: Bakumatsu no Jijiteki
Nishikie to Kawaraban. Tokyo: Bunsei Shoin 2005. S. 30.
[4] Hayashi, Yoshikazu (1988). Enshoku Edo no Kawaraban. Tokyo: Kawade Shuppan (1988). S. 15.
[5] Tomizawa, Tatsuzou (2005). Kurofune Kawaraban to Sore Izen. Center for Pacific and American Studies of The University of Tokyo (2005). 31.
[6] Hoya, Toru (2001). Bakumatsu Ishin to Jyoho. Tokyo: Yoshikawa Kobunkan (2001). S. 312.
[7] Steele, William (1989). Goemon’s New World View. Popular Representations of the Opening of Japan. Ajia bunka kenkyû 17 (1989). S. 69-83.

Eine Antwort auf „Kawaraban: Zeitungen in Japans Edo- und Meiji-Zeit“

Prima Artikel! Sehr aufschlussreich und informativ und trotz der notwendigen Fachbegriffe allgemein verständlich!  Holt den Leser ab und führt in optimal und auf das Wesentliche konzentriert durch die Welt der Entstehung Japanischer Zeitungen.

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